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Chronik des Postamts Hochheim am Main ...


Auszüge des Artikels von Walter Viehmann in Archiv für hessische Postgeschichte 9/1964

Im Postamt Hochheim, das heute dem Postamt (V) Wiesbaden angeschlossen ist, befindet sich eine zwar leicht vergilbte, jedoch in einer wunderbaren, verschnörkelten Handschrift verfaßte Chronik mit dem Untertitel "Beiheft zur Statistik des Kaiserlichen Postamts III in Hochheim (Main)", die es wert ist, in ungekürzter Form hier abgedruckt und damit der Nachwelt erhalten zu werden. Eine Jahreszahl, aus der hervorginge, wann die Chronik verfaßt wurde, ist uns leider nicht überliefert.

II. Beschreibung des Postanstalt

8. Gründung der Postanstalt, Geschichte derselben; Namen der Vorsteher der Postanstalt
Wann die hiesige Postanstalt eröffnet wurde, ist unbekannt. Doch bestand dieselbe schon im Jahre 1785.
Der Landbestellbezirk bestand im Jahre 1837 aus den Orten Breckenheim, Delkenheim, Dietenbergen, Eddersheim, Flörsheim, Igstadt, langenhain, Massenheim, Medenbach, Marxheim, Nordenstadt, Rüsselsheim, Wallau, Weilbach mit Kurhaus, Wicker und Wildsachsen.
Auf den Geschäftsverkehr der Postanstalt, der von Jahr zu Jahr zugenommen, waren von Einfluß:
1. Eröffnung der Taunusbahn im Jahre 1837
2. Einrichtung einer Postanstalt in Flörsheim im Jahre 1841, 15. Juni
3. Abzweigungen mehrere Orte des Landbestellbezirkes unter Zuteilung an die Postanstalten Hattersheim, Flörsheim und Hofheim
4. Einrichtung einer Postagentur in Wallau 1872, 1. Mai
5. Abtretung des Landbestellbezirkes an die Postagentur in Wallau 1872, 1. Mai
6. Abzweigung der Postagentur in Wallau unter Zutheilung an das Postamt in Wiesbaden 1873, 1. Januar

Vorsteher der Postanstalt waren:

1806....................Postexpediteur Schwab
vor 1832...............Postexpediteur Schwärzel
von 1832-1833.......Wwe des Postexpediteur Schwärzel
von 1833-1846.......Postexpediteur Kunz
von 1846-1847.......Postsecretair Zimmermann
seit 1847...............Postverwalter Kunz

9. Geschichte der Postverbindungen des Orts; Fremdenverkehr, soweit derselbe auf die Benutzung der Posteinrichtungen von Einfluß ist
Bis 1838 hatte Hochheim täglich zweimal Postverbindung durch die Post zwischen Frankfurt a.M. und Mainz. Bei Eröffnung der Taunusbahn ging die Postverbindung ein und ist Hochheim seit dieser Zeit nur Eisenbahn-Post-Anstalt
10. Nachrichten über das Postgebäude
Keine Angaben
11. Charakterzüge des Brief- und des Fahrpostverkehrs, z.B. nach welchen Gegenden derselbe vorzugsweise gerichtet ist; ob und welche besondere Gewerbe sich hauptsächlich an dem Packet- und Geldverkehr betheiligen; ob viel Postverkehr mit dem Auslande stattfindet und speziell mit welchen Ländern
Der stärkste Brief- und Fahrgastverkehr besteht mit Mainz, Wiesbaden und Frankfurt a.M. Außerdem erstreckt sich der Verkehr auf ganz Deutschland, ist aber nach dem Auslande sehr schwach, da nur die "Actiegesellschaft z. Ber. mouhs. Weine" Verkehr mit dem letzteren hat. Das ausländische Haupt-Absatzgebiet ist England. Den stärksten Geldverkehr unterhält genannte Actiengesellschaft, den stärksten Packetverkehr die Hefefabrik von F. Raab. Durch den Traubenversandt ist der Packetverkehr im Monate October am stärksten.
12. Angabe der im Orte erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften; Angabe der im Orte hauptsächlich gelesenen Zeitungen
Im Orte werden hauptsächlich gelesen:
der Rhein-Kurier (liberale Richtung)...................28 Ex.
der Mainzer Anzeiger (sozialdem. Richtung)........21. Ex.
der Nassauer Bote (ultramontaner Richtung)......21 Ex.
Soeit die Aufzeichnungen des Chronisten.
Aus späteren Nachtragungen ist zu ersehen, daß der Postverwalter Kunz das Amt bis zum Jahre 1877 geleitet hat. Diese Tatsache und das letzte in der vorstehenden Chronik verzeichnete Weinergebnis aus dem Jahr 1875 lassen darauf schließen, daß die Aufzeichnungen von dem Postverwalter Kunz im Jahre 1876 oder 1877 gefertigt wurden.
Über das jetzt noch benutzte Postgebäude in der Mainzer Straße Nr. 13 ist weiter nachgetragen, daß es 1883 angemietet und für Postzwecke umgebaut wurde. Vorher war in dem Gebäude das Gasthaus "Zur Krone" untergebracht, und zwar seit Errichtung des Hauses im Jahre 1776. Die "Krone" bestand als Gasthaus seit 1710 und war in der napoleonischen Zeit das "Erste Gasthaus am Platze". Es beherbergte nach Angaben der Kronenwirtin, Witwe Müller, im Jahre 1813 viele hohe französische, russische und preußische Offiziere und Generale, darunter die Generale Sawitzki, Neipperg, Knesebeck, Schuwaloff und v. Sacken. Auch der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., und Marschall Blücher speisten mit Gefolge am 1. Dezember 1813 beim Kronenwirt zu Mittag. Am 13. Januar 1814 feierte die russische Generalität der ganzen Umgegend in der "Krone" bei wohlbesetzter Tafel den Neujahrstag. Die elektrische Beleuchtung wurde 1900, das Kochgas 1927 in dem Gebäude angelegt.
Die zu zahlende Jahresmiete für das Postgebäude betrug im Jahre 1935 = 2880,- Reichsmark.
Außer der Chronik liegen aus den Jahren 1898 bis 1922 sämtliche "Rapporte des Kaiserlichen Postamts II" - später nur "Postamts II" - in Hochheim vor, die aufschlußreiche und interessante Zahlen enthalten. Danach hatte die Stadt Hochheim im Dezember 1900 insgesamt 3478 Einwohner. Die "Porto-, Telegramm- und Fernsprechgebühren-Einnahme" betrug 41671 Mark für das Jahr 1900. Es wurden durchschnittlich täglich 2004 Briefsendungen und 28 Pakete aufgeliefert, 725 Briefsendungen und 29 Pakete gingen ein. Dies waren bei jeweils 15 ankommenden und abgehenden Posten sowie werktäglich 4 Briefzustellungen im Orts- und 2 Zustellungen im Landzustellbereich keine erheblichen Zahlen. Pakete wurden im Ort noch werktäglich zweimal, sonntags einmal zugestellt. Bei einem Personalbestand von 4 Beamten und 6 Unterbeamten mußte demnach von jedem einzelnen trotzdem ein beachtliches Arbeitspensum bewältigt werden. Beachtlich auch deshalb, weil alle Wege zum 10 Minuten entfernten Bahnhof mit schweren eisenbereiften Handkarren zurückgelegt werden mußten. Die ankommenden Pakete und Briefbeutel mußten auf diesen Handkarren die Bahnhofstraße, die auf einer Länge von 400 Metern 5% Steigung aufweist, hinaufgeschoben werden.
Auch über das Einkommen der Beamten und Unterbeamten gibt der Rapport für das Jahr 1900 interessante Zahlen an. Die etatmäßig beim Postamt angestellten Beamten hatten folgendes Jahreseinkommen:
Postmeister mit 36 Dienstjahren.........................3300 Mark
Postassistent mit 14 Dienstjahren.......................1916 Mark
Postschaffner mit 14 1/2 Dienstjahren.................1332 Mark
Leitungsaufseher II. Kl. mit 7 Dienstjahren............922 Mark
An Fernsprech-Hauptanschlüssen waren vorhanden:
a) gegen "Bausch"gebühren........................2 Anschlüsse
b) gegen Grund- und Gesprächsgebühren.......4 Anschlüsse
und außerdem eine öffentliche Sprechstelle
 
.:  Karl Harald Lang  /  Taunusstrasse 24a  /  65474 Bischofsheim  :.